Medienkompetenz – Wer? Wie? Wo? Was?

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

 

Alle sprechen über Medienkompetenz. Sie ist wichtig.  Sie muss gestärkt werden. Aber von wem eigentlich? Und: Was ist das jetzt genau?

Darüber diskutieren Prof. Dr. Barbara Thomaß, Medienwissenschaftlerin der Uni Bochum, und Jürgen Ertelt, Sozial- und Medienpädagoge. Barbara Thomaß sieht die Medienkompetenz als einen „Teil von Lebenskompetenz“. Hier knüpft auch Jürgen Ertelt an. Für ihn ist wichtig, dass die neuen Medien angstfrei genutzt werden und produktiv mit ihnen umgegangen wird. Er wünscht sich eine aktive Auseinandersetzung und nicht nur die Beschränkung auf die Risiken.

Die Diskutanten sind sich einig, dass es zu engstirnig gedacht ist, wenn Medienkompetenz nur durch Lehrer vermittelt werden soll. Vielmehr müssen auch diese geschult werden. Die Art der Medienkompetenz hängt von vielen Faktoren wie Bildung und Alter ab. Jugendliche müssen in anderen Dingen geschult werden, als zum Beispiel Lehrer. Deshalb ist die Frage: Wer braucht welche Fähigkeit? Und wie kann sie vermittelt werden? Jürgen Ertelt fordert „Keine Bildung ohne Medien“ – also Medien auch in der Schulung von Lehrer und Erziehern.

Es besteht ein permanentes Spannungsverhältnis zwischen dem Jugendmedienschutz und dem Tabubruch, der von den Jugendlichen selbst begangen wird. Aber, so Thomaß, dieses Spannungsverhältnis müssen wir aushalten. Und dass es vielleicht gar nicht so kritisch ist, wie ihn Erwachsene gerne sehen, zeigt die Jugendschutz-Studie von Prof. Uwe Hasebrink. Hier kam heraus, dass Kinder mit einer höheren Medienkompetenz natürlich häufiger mit sogenannten Risiken in Kontakt treten (z.B. mit Mobbing oder auch Erotik im  Netz) aber diese auch als weniger belastend bewerten. Also sind Kinder die sich nicht frei im Internet bewegen dürfen, also weniger Erfahrung haben, viel verletzlicher als andere.

Also wieder ein Argument, die Medienkompetenz zu stärken. Aber wer soll das jetzt genau tun? Jürgen Ertelt sieht hier auch die Notwendigkeit, darüber zu diskutieren, wie wir in Zukunft mit der digitalen Welt leben wollen. Wir können das Internet selbst so gestalten, dass es die Welt lebenswerter macht – und in dem Zusammenhang auch den Medienschutz diskutieren.

Auch Barbara Thomaß sieht die Schulung der Medienkompetenz eher als eine Querschnittsaufgabe und sagt, dass einzelne Projekte zwar gut sind, aber nicht ausreichen. Hier sieht sie die Schulen in der Verantwortung. Diese müssten ernsthaft Medienkompetenz schulen. Und zwar nicht in einem einzelnen Fach, sondern allumfassend. Auch Ertelt fordert, dass Medien als selbstverständlich angesehen werden müssen und deshalb bereits ab dem Kindergarten eingebunden werden sollten. Er plädiert auch dafür, dass Medienkompetenz verpflichtend in die Lehrpläne aufgenommen werden soll. Bisher ist dies rechtlich nur in Hamburg geregelt.

Also: Muss Medienkompetenz-Schulung vor allem bei den Lehrern ansetzen?

Von Katrin Rulle

Wovor sollen wir geschützt werden?

Mittwoch, November 30th, 2011

Wovor sollen bzw. wollen Kinder und Jugendliche geschützt werden?

Schon die Frage zeigt, dass es in diesem Vortrag wieder vorrangig darum geht, wo Erwachsene Gefahren für junge Menschen sehen.
Petra Kain, vom Polizeipräsidium Westhessen, beginnt ihren Vortrag mit dem Beispiel der Pornografie: Natürlich kann Pornografie, wie sie im Internet dargestellt wird, die Entwicklung eines Kindes stören. Aber die von ihr angepriesenen und leicht zu umgehenden Filterprogramme und langatmige Vorträge der Eltern, die keine Ahnung von der Realität im Netz haben, helfen kein Stück weiter.

Im Gegenteil: Das Verbot zu missachten macht das Vergehen selbst noch spannender. Sich von einem Freund via Bluetooth ein Video auf sein Smartphone schicken zu lassen ist kein Problem. Es werden niemals alle Eltern aktiv an einem Strang ziehen und ihren Kindern auf alle elektronischen Geräte Filterprogramme installieren.

Wo also ansetzen? Bei der Frage, wo Kinder sich in Gefahr sehen. Hier ist aufgrund von Massenzwängen zunächst keine wahrheitsgemäße Antwort zu erwarten: Kein Mädchen kann vor ihren Freundinnen für Pornografie plädieren; bei Jungen ist oft das Gegenteil der Fall.

Susanne Kayser, ZDF Medienforscherin, führt eine Studie an, die besagt, dass 77% der Mädchen sich gegen frei zugängliche Pornografie aussprechen. Gefährdet fühlen sie sich aber nicht.

Cybermobbing ist zweifellos ein Problem, vor dem auch Jugendlich geschützt werden wollen, doch gab es Mobbing unter Jugendlichen nicht auch schon vor dem Internet?

Dass es laut Susanne Kayser durch „Anonymität, unterschätzte Reichweite und Dauerhaftigkeit“ niedrigere Schwellen für Mobber zu überwinden gilt, ist unzureichend. Wenn jemand mobben möchte, dann tut er das – auch ohne Internet.

Als allmächtiger Lösungsvorschlag wird „Medienkompetenz“ angepriesen. Doch hat Aufklärung nicht zwei Seiten? Natürlich hilft es möglicherweise den Jugendlichen, verantwortungsbewusster und aufmerksamer mit dem Internet umzugehen, doch weißt es nicht möglicherweise junge Menschen erst einmal daraufhin, dass es da im Internet etwas gibt, dass viele ‚coole’ Jugendliche tun? Informiert es nicht vielleicht einen Schüler der 5.Klasse, der bisher nichts mit diesen Seiten des Internets zu tun hatte, über die vielen neuen „Möglichkeiten“?

Internetaufklärung darf also nicht zu früh beginnen, und auch nicht, wenn es schon zu spät ist.
Viele Jugendlichen machen sich selbst Probleme im Internet, da sie ‚private’ Bilder online stellen, und diese sich in unübersichtlichem Maße verbreiten. Petra Kain hat hierzu ein Beispiel eines 13 jährigen Mädchens angeführt, das ihrem Freund Bilder geschickt hat, auf denen sie selbst halbnackt zu sehen ist. Er veröffentlichte die Fotos, und sie wollte daraufhin Selbstmord begehen.

Das ist tragisch, doch hätte Internetkompetenz hier geholfen? Wohl eher nicht. Hätte das Mädchen in ihrer verliebten Blindheit ihrem Freund die Bilder nicht geschickt, wenn sie gewusst hätte, dass sie für immer im Internet bleiben, und möglicherweise (aufgrund eines Vertrauensbruchs des Geliebten) an mehr Leute als gewollt geschickt werden? Hätte ein Filterprogramm sie rechtzeitig auf ihren Fehler aufmerksam gemacht?

Alles in allem, war dieser Vortrag zwar sehr informativ, was die Sorgen der Eltern angeht – doch hat er die Gefahren, die die Jugendlichen sehen, kaum beachtet. Er geht sehr intensiv auf den quantitativen Gebrauch von Pornografie ein, doch lässt die Folgen außer Betracht. Kompetenz, die beliebteste Möglichkeit um die Jugend in den Medien zu schützen, ist nicht ausreichend, aber ein nötiger Ansatz.

Von Deborah Mateja