„Das Menschenbild von RTL und Co ist hoch gefährlich“

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

Thomas Bellut ist Programmdirektor des ZDF und wird im März 2012 die Nachfolge von Professor Markus Schächter als Intendant des Senders antreten. Im Interview mit der Jungen Presse spricht er über Gefährdung der Jugend durch die private Konkurrenz und die Lehren, die das ZDF aus Fehlern der Vergangenheit gezogen hat.

Herr Bellut, der jetzige Intendant Markus Schächter hat gestern in seiner Rede betont, wie wichtig ihm der Jugendmedienschutz ist. Führen Sie in dieser Hinsicht seine Arbeit fort?

Natürlich. Schon jetzt als Programmdirektor bin ich regelmäßig mit dem Thema beschäftigt. In enger Zusammenarbeit mit unserem Jugendschutzbeauftragten Dr. Gunnar Krone müssen wir bei jeder Sendung neu überdenken: Kann man das zeigen? Geht das oder geht das nicht? Das gilt insbesondere für neue Formate.

In der öffentlichen Diskussion war vor allem die im ZDF ausgestrahlte Serie „Borgia“, in der die mittelalterliche Papstdynastie mit blutigen Szenen und offenherzigen Nacktszenen aufgearbeitet wurde. Das alles zur besten Sendezeit. Ging das nicht etwas zu weit?

Die Diskussion hat allein in den Medien stattgefunden und das auch nur im Boulevardjournalismus. Tatsächlich haben wir nur vereinzelt Beschwerden hinsichtlich der Gewalt erhalten und gar keine bezüglich der Nacktszenen.

Sie stehen also auch weiterhin zu der Entscheidung, solche Szenen auszustrahlen obwohl um 20.15 Uhr auch viele Jugendliche vor den Bildschirmen sitzen?

Uneingeschränkt ja. Wie gesagt, wir hatten keine nennenswerten Beschwerden. Das zeigt, dass die Sendung unseren Zuschauern gefallen hat. In meinen Augen hat die Ausstrahlung einiger Szenen sogar zu einer breiten öffentlichen Diskussion beigetragen. Das bewerte ich als positiv.

Das ZDF gilt nach wie vor als Rentnersender. Die unter Jugendlichen beliebtere private Konkurrenz setzt bei der Programmplanung vor allem auf das Motto „Sex sells“. Müssen Sie sich diesem Druck nicht beugen, um Ihren Sender zu modernisieren?

Sat 1, RTL und Co setzen vor allem auf die Darstellung von Menschen in erniedrigenden Situationen. Gezeigt werden Menschen, deren Karriere oder Privatleben am Tiefpunkt ist. Denken Sie beispielsweise an das Dschungelcamp. Dieses Konzept ist höchst archaisch. Dass solche Formate inzwischen sogar schon im Feuilleton renommierter Tageszeitungen besprochen werden, belegt, dass sie das Menschenbild nachhaltig ändern. Das halte ich für hoch gefährlich.

Dennoch scheint das Konzept der Privaten aufzugehen. Spüren Sie wirklich keinen Druck?

 Das Glück des ZDF ist, dass wir kein Wirtschaftsunternehmen sind und keine Gewinne erwirtschaften müssen. Das macht unter anderem die Daseinsberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus.

Welche Bedeutung hat für Sie die Jugendmedienschutztagung?

 Diese zwei Tage sind für uns alle eine Fortbildung. Das Ziel ist, dass unsere Mitarbeiter das Echo der Diskussionsrunden mit ins Haus tragen. Die Ergebnisse fließen in jedem Fall in unsere Alltagsentscheidungen über Sendungen und Formate ein. Die Tagung zeigt auch, dass wir unser Interesse am Internet weiter verstärken müssen.

Nehmen Sie die Ergebnisse einer solchen Veranstaltung auch mit in die Diskussionen mit der Politik, die letztendlich über die Regularien entscheidet?

Wir sind regelmäßig in einem aktiven Diskurs mit der Politik. Wir als ZDF haben beispielsweise eine feste Vorstellung davon, wie wir kontrolliert werden sollten. Dieses System ist effizient und wirkungsvoll. Das bestätigen uns auch zahlreiche Experten. Mehr Kontrollmechanismen brauchen wir jedenfalls nicht.

Haben Sie spezielle Wünsche an den Gesetzgeber?

 Meine Wünsche richten sich eher an die Gesellschaft, verantwortungsvoll mit alten und neuen Medien umzugehen. Der Gesetzgeber ist insbesondere in der Netzpolitik überfordert. Die eine Lösung gibt es nicht. Illusorisch ist es auch, alle Nutzer erreichen zu wollen. Das kann nicht funktionieren.

Zurück zum ZDF. Selbst die Familiensendung „Wetten, dass..?“ stand nach dem Unfall von Samuel Koch in der Kritik. Die Wetten seien zu riskant, die Gefahr werde verharmlost. Teilen Sie diese Auffassung?

Zunächst einmal zeigen auch andere Sendungen, insbesondere im Sport, Wettbewerbsszenen. Nach 30 Jahren „Wetten, dass..?“ wähnten wir uns in einer vermeintlichen Sicherheit. Bei jeder Probe waren Experten anwesend, das Team war erfahren der Kandidat gut trainiert. Diese Sicherheit war trügerisch.

Wie haben Sie auf den Unfall reagiert und funktioniert „Wetten, dass..?“ auch ohne große Risiken?

Zunächst einmal haben wir das Gefährdungspotenzial der Wetten heruntergefahren. Es ist nicht notwendig, dass eine Unterhaltungssendung zum Drama wird. Die Quoten sind seit der Veränderung nicht gefallen. Das zeigt, dass die Zuschauer „Wetten, dass..?“ auch in dieser Form akzeptieren.

Zum Schluss die Frage, die sowohl Feuilleton als auch Boulevard derzeit am meisten beschäftigt: Wer wird der Nachfolger von Thomas Gottschalk?

Darauf kann ich Ihnen nach wie vor keine Antwort geben. Die Diskussion zeigt aber, wie vital die Marke „Wetten, dass..?“ nach wie vor ist. Das wollen wir erhalten.

 

Das Intervivew führte Jan Daum